Kreislaufwirtschaft und Ressourcenschonung im Gesundheitssektor – Die Förderinitiative CirculAid

Dr. Melanie Kröger

Der Gesundheitssektor steht vor erheblichen Herausforderungen in puncto Nachhaltigkeit: Mit einem jährlichen Rohstoffverbrauch von über 100 Millionen Tonnen rangiert er auf Platz vier der ressourcenintensivsten Branchen in Deutschland – nach Bauwesen, öffentlicher Verwaltung und Lebensmittelindustrie. Gleichzeitig verursachen Krankenhäuser allein fast fünf Millionen Tonnen Abfall pro Jahr und sind damit der fünftgrößte Müllproduzent des Landes. Hinzu kommen die Abfälle aus Pflegeheimen, Rehakliniken und Arztpraxen. Der Ressourcenverbrauch im Gesundheitswesen ist zwischen 1995 und 2016 um rund 80 Prozent gestiegen, und auch die Treibhausgasemissionen machen mit etwa sechs Prozent einen erheblichen Anteil der bundesweiten Emissionen aus.

Einweg statt Wiederverwendung: Das lineare Modell dominiert
Ein wesentlicher Grund hierfür ist das vorherrschende lineare Wirtschaftsmodell („take-make-waste“), das bei allen möglichen Gegenständen und Materialien auf einmalige Nutzung mit anschließender Entsorgung setzt: von Kitteln, Kehlkopfspiegeln und Pinzetten bis zu Scheren, Schalen und Schüsseln sowie Verpackungen. Einwegprodukte haben die Mehrfachnutzung weitgehend verdrängt, selbst hochwertige Instrumente und Materialien werden nach einmaligem Gebrauch entsorgt. Die thermische Verwertung ist Standard, Recycling und Rückgewinnung von Wertstoffen sind bislang Ausnahmen. Die Ursachen hierfür sind vielfältig: Neben fehlenden Standards, Leitlinien und Geschäftsmodellen erschweren hohe Hygieneanforderungen, Haftungsfragen, Kosten- und Zeitdruck sowie eine recht restriktive Regulatorik die Einführung ressourcenschonender Praktiken. Ein prominentes Beispiel ist die Vollzugshilfe LAGA M18. Diese priorisiert bislang die thermische Entsorgung und schränkt die manuelle Trennung und das Recycling potenziell infektiöser Abfälle stark ein und erschwert Innovationen, etwa die lokale Dekontamination von Kunststoffabfällen mit anschließendem Recycling. In Einzelfällen ist es jedoch schon gelungen, durch eine sachgemäße Dekontamination vor Ort eine Umschlüsselung der Abfälle für eine stoffliche Verwertung zu erreichen.

© Löwenstein Medical Technology GmbH & Co. KG / Deutsche Bundesstiftung Umwelt

Förderinitiative „CirculAid“ als Impulsgeber
Während andere Branchen bereits Strategien für die Circular Economy entwickeln und umsetzen, steht die Gesundheitswirtschaft hier noch am Anfang. Vor diesem Hintergrund hat die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU) Anfang 2023 die Förderinitiative „CirculAid – Kreislaufwirtschaft im Gesundheitswesen“ gestartet. Ziel ist es, modellhafte und innovative Projekte zu unterstützen, die Lösungsansätze für einen sparsamen Umgang mit Ressourcen bieten.

© AKB‑ZOP / Deutsche Bundesstiftung Umwelt

Systemischer Wandel wird durch Modellprojekte angestoßen
Aktuell werden fünf Projekte mit insgesamt rund 1,2 Millionen Euro gefördert. Die Bandbreite reicht von der Entwicklung von Recyclingverfahren für medizinische Kunststoffe über das Recycling von OP-Instrumenten und die Erforschung kreislauffähiger Beatmungssysteme bis hin zur Entwicklung hygienischer Mehrwegtextilien und ressourcenschonender Alternativen zu flüssiger Seife im Klinikalltag. Alle Projekte sind modellhaft angelegt und verfügen über ein hohes Übertragungspotenzial. Zentrale Querschnittsthemen sind der Umgang mit regulatorischen Hürden sowie die Entwicklung neuer Routinen und die Qualifizierung von Mitarbeitenden. Mit ihrer Initiative möchte die DBU entscheidende Impulse setzen, um die Kreislaufwirtschaft im Gesundheitswesen voranzutreiben. 

Weiterführende Literatur:

Abfallmanager Medizin 2017: Abfälle aus der humanmedizinischen oder tierärztlichen Versorgung, Krankenhausabfälle – Abfallmanager Medizin

Ostertag, K. et al. 2022: Ressourcenschonung im Gesundheitssektor – Erschließung von Synergien zwischen den Politikfeldern Ressourcenschonung und Gesundheit (Ressourcenschonung im Gesundheitssektor – Erschließung von Synergien zwischen den Politikfeldern Ressourcenschonung und Gesundheit | Umweltbundesamt)

VDI 2023: Kreislaufwirtschaft für mehr Nachhaltigkeit im Gesundheitswesen, VDI_Policy-Factsheet_Kreislaufwirtschaft-Gesundheitswesen.pdf

VDI 2024: Ergebnispapier Ressourceneffizienz im Gesundheitswesen, Ergebnispapier Arbeitsgruppe der Nationalen Plattform für Ressourceneffizienz (NaRess AG 4) „Forschungs- und Innovationsstrategie Ressourcenschutztechnologie“